Preis-Optimierung: Historische Experimente zu “krummen” Preisen
Dienstag 27. Oktober 2009 von Christian Russ
Der Schweizer Wissenschaftsjournalist Reto Schneider stellt in seinem Buch “Das neue Buch der verrückten Experimente” unterhaltsame und oftmals skurrile natur- und sozialwissenschaftliche Experimente vor, die in den letzten 500 Jahren durchgeführt worden sind.
Unter anderem schildert er auf unterhaltsame Art die widersprüchlichen Ergebnisse verschiedener, im letzten Jahrhundert durchgeführter Preis-Experimente, die alle die Frage beantworten sollten, ob sich das Kundenkaufverhalten durch eine geschickte Preis-Kosmetik entscheidend beeinflussen lässt bzw. ob Produkte, deren Preise “krumm” sind und runde Beträge geringfügig unterbieten, von den Kunden als preisgünstiger empfunden und deswegen mehr gekauft werden.
Die Resultate waren nicht eindeutig. In einem vom Marketingexperten Hermann Diller in vier Drogeriemärkten durchgeführten Test, bei dem 440 Artikel vier Wochen lang zu runden Preisen angeboten wurden, zog eine Aufrundung der Preise weder einen Umsatz- noch einen Absatzrückgang nach sich.
Amerikanische Forscher hingegen, die für einen Versandhändler an eine Test- und Kontrollgruppe jeweils 30.000 fast identische Kataloge verschickten – einmal mit Preisen zwischen 7 und 120 Dollar und einmal mit um nur 1 Cent reduzierten Preisen (6,99 – 119,99 Dollar) – konnten eine Umsatzsteigerung von neun Prozent beobachten. Und ein drittes geschildertes Experiment ergab sogar, dass ein Kleid für 39 Dollar wesentlich häufiger gekauft wurde als das gleiche für 34 Dollar.
Die neuere Entscheidungs- und Preis-Forschung kommt so auch zu dem Ergebnis, dass die im letzten Jahrhundert erdachten und angewandten Preis-Forschungsmethoden (für sich genommen) unzulänglich sind und ihre bisherigen Ergebnisse daher nur wenig Aussagekraft besitzen.
Die Frage, ob Preise, die auf 9, 8, 7 oder 5 Cent enden, die Kaufwahrscheinlichkeit im Vergleich mit einem runden Preis tatsächlich erhöhen, bleibt also aus wissenschaftlicher Sicht weiterhin offen.
Dies mag auch daran liegen, dass in den historischen Untersuchungen und Experimenten auf den Preis einzelner Artikel fokussiert wurde und die Preis-Strukturen, d. h. die absoluten und prozentualen Preis-Abstände zwischen den angebotenen Artikeln, kaum Berücksichtigung fanden.
Denn die praktischen Ergebnisse der Preis-Optimierung unserer Retail Simulation Suite bei SB-Warenhäusern, Supermärkten und Drogeriemärkten zeigen, dass mit genetischen und linearen Optimierungsverfahren nicht nur Artikel-Einzelpreise, sondern umfassende Preis-Strukturen optimiert und an die Bedürfnisse und Wünsche der Kunden so angepasst werden können,dass dies immer zu signifikanten Ertragssteigerungen führt.
Interessant ist vor dem Hintergrund dieses hochkomplexen Forschungsproblems, dass dieses eigentlich erst im 20. Jahrhundert mit der Erfindung der Registrierkasse auftrat, da diese maßgeblich zur Entwicklung von krummen Preisen beigetragen hat. Ursprünglich sollten diese Preise laut Reto Schneider Diebstähle durch die eigenen Angestellten verhindern, die durch die neue Preis-Struktur häufiger gezwungen wurden, zur Kasse zu gehen, um dort Wechselgeld zu holen, so dass sie vom Ladenbesitzer besser kontrolliert werden konnten.
Kategorie: Allgemeines, Neues aus der Branche, Neues aus der Forschung, Preis-Optimierung, Profilierung der Kunden | 1 Kommentar »