Dacos Retail Intelligence Blog

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Einkaufen auf dem platten Land

Mittwoch 3. Februar 2010 von Sandra Nozar

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Unter dem Titel „Selbst ist der Kunde“ hat „Die Welt“ vergangene Woche ein interessantes Thema aufgegriffen. Das Aussterben der Tante-Emma-Läden. Geschuldet ist diese Entwicklung dem anhaltenden Konzentrationsprozess im deutschen Einzelhandel und dem Trend zu immer größeren Verkaufsflächen. Gab es 1920 noch 125.000 Tante-Emma-Läden, sank ihre Zahl 10 Jahre später auf 70.000. 2007 waren es nicht mal mehr 25.000. Diese Entwicklung bekam „das platte Land“ besonders stark zu spüren.

(c) Phillie Casablanca

Das niedersächsische Otersen, ein 520-Einwohner-Dorf am Rande der Lüneburger Heide, hatte mit diesem Phänomen und der anhaltenden Landflucht zu kämpfen. Mitte der 90er-Jahre zählte die Gemeinde nur noch 400 Einwohner. Otersen war “auf dem Weg zum sterbenden Dorf”, erinnert sich Günter Lühning, Vorsitzender des Heimatvereins. “Dann haben wir aufgehört, unser Schicksal zu beklagen, und das Heft selbst in die Hand genommen.“ Die Dorfbewohner übernahmen im Jahr 2000 den letzten verbliebenen Laden.

Dabei ist der Dorfladen kein normales Geschäft, sondern „eine Art Selbsthilfeeinrichtung verzweifelter Käufer“ − Kunden, die ihren täglichen Einkauf erledigen, sind gleichzeitig die Eigentümer. Insgesamt 29 Eigentümer bzw. Aktionäre gibt es. Doch die Anteile mit einem Nennwert von 250 Euro sind als Kapitalanlage weniger interessant, eine Ausschüttung der Dividenden findet nicht statt. Dazu Lühning, Dorfladengründer und Beirat: “Aber es gibt eine immaterielle Rendite: Lebensqualität.”

Ein Dorf greift zur Selbsthilfe

Das Ergebnis kann sich sehen lassen: Ab 6.30 Uhr gibt es wochentags auf 150 Quadratmetern frische Brötchen, Obst- und Gemüse, Molkereiprodukte, Fleischwaren, ein kleines Non-Food-Sortiment und nicht verderbliche Ware. Der Laden ist mit einem Getränke-Shop mit Leergutannahme und einer Registrierkasse mit Laufband ausgestattet. Im Laden werden nicht nur die Einkäufe des täglichen Bedarfs erledigt, die Dorfbewohner können auch Überweisungsträger einwerfen oder Geldbeträge abheben. Der Laden dient außerdem als Zeitungskiosk, Blumenladen, Paketshop und Annahmestelle eines Apothekendienstes.

Und das Geschäft übernimmt noch eine weitere wesentliche Funktion: Die des kommunikativen Zentrums. Die Dorfbewohner können ihren Einkauf mit einem kleinen Plausch verbinden. Das kann der nächstgelegene Discounter in der 15 Kilometer entfernten Kreisstadt nicht leisten. Gerade ältere Dorfbewohner profitieren davon: Sie haben eine gut zu erreichende Einkaufsmöglichkeit und eine Möglichkeit zum Reden. Vor allem dem demografischen Wandel ist es geschuldet, dass die Bedeutung dafür in den nächsten Jahrzehnten zunehmen wird. “Aufgrund der alternden Bevölkerung geht in den Städten der Trend allmählich wieder zu kleineren, wohnortnahen Verkaufsangeboten”, so Nicolaus Sondermann vom Institut für Handelsforschung der Universität Köln.

Mal läuft es besser, mal schlechter

Ein Dorfladen ist betriebswirtschaftlich gesehen eine Gratwanderung. Das ist auch der Grund, warum Supermarktketten sich nicht auf das Abenteuer einlassen. Bei den Preisen müssen die Dorfläden mit den Großen mithalten, damit sich der Normalbürger den Einkauf leisten kann. Und die Mitarbeiter, auch wenn einige ehrenamtlich tätig sind, müssen bezahlt werden. Drei Teilzeitkräfte und ein Azubi sind aktuell beschäftigt.

Der „Dörpsladen“ in Otersen erzielte letztes Jahr einen Umsatz von 292.000 Euro und ein Plus von neun Prozent. Der Profit ist dennoch gering. Verläuft das Jahr gut, machen die Eigentümer ein Plus von zwei- bis dreitausend Euro, die als Rücklagen für kleinere Investitionen genutzt werden. In einem schlechten Jahr kann es dagegen passieren, dass sie wieder in die Verlustzone geraten.

Ein Projekt macht Schule

Das Pionierprojekt hat sich schnell herumgesprochen und inzwischen in ganz Deutschland Anhänger und Nachahmer gefunden. So soll es inzwischen etwa hundert Projekte dieser Art geben. Otersen erhält auch immer wieder Anfragen von anderen Dorfgemeinschaften. Man ließ sogar ein 220 Seiten dickes Handbuch drucken, um die wichtigsten Erfahrungen und Fehler zu dokumentieren. Das Fazit der Gründer: “Guter Wille allein reicht nicht. So ein Laden muss sauber durchkalkuliert und laufend kontrolliert werden.”

Nachzulesen unter http://www.welt.de/die-welt/wirtschaft/article5960025/Selbst-ist-der-Kunde.html

Dieser Beitrag wurde erstellt am Mittwoch 3. Februar 2010 um 10:28 und abgelegt unter Allgemeines, Neues aus der Branche. Kommentare zu diesen Eintrag im RSS 2.0 Feed. Sie können einen Kommentar schreiben, oder einen Trackback auf Ihrer Seite einrichten.

Ein Kommentar über “Einkaufen auf dem platten Land”

  1. Alexander BroyNo Gravatar schrieb:

    Das ist ein sehr schönes Modell, was hoffentlich bald Nachahmer findet. Der Preis der Ware sollte nicht immer das einzig Ausschlaggebende sein. Ein Einkauf in der unmittelbaren Nähe, ohne den Zeitverlust und die Umweltverschmutzung, die Autofahren mit sich bringt und die Möglichkeit auch mal ein Schwätzchen zu halten sind Lebensqualität, die wir uns vielleicht öfter leisten sollten.

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